Seit 2010 ist meine Kanzlei im Sudturm in Gottmadingen beheimatet. Nach fast 10 Jahren selbständiger Tätigkeit in Gottmadingen erfolgte der Umzug in das 3. und 4. Obergeschoss des historischen Gebäudes. 

 

Die Träume, oder wohl eher Flachsereien, zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn erfüllten sich: am Anfang meines Studiums stellte ich die These auf, dass ich meine Kanzlei in Gottmadingen im Sudturm eröffnen werde. Aus damaliger Sicht eine gewagte These.

In den 90er Jahren war das Bilger-Areal eine brach liegende Fläche mit alten, teils baufälligen Gebäuden. Eine wirtschaftliche Nutzung als Büroflächen nicht vorhersehbar.

Industrielle Entwicklung in Gottmadingen

Die industrielle Entwicklung Gottmadingens war durch 2 Großbetriebe geprägt:
- Maschinenfabrik Fahr AG, ein früher in der Welt führender Hersteller von Landmaschinen
- Brauerei Bilger

Nach langen Überlebenskämpfen ist von beiden Betrieben heute nur noch eine Auffanggesellschaft der Fahr AG mit einer deutlich geringeren Zahl von Angestellten als früher tätig (FaGo GmbH & Co.KG). Der Weg zur FaGo war lange, die Fahr AG wurde von KHD übernommen, über Greenland ging der Weg zu Kverneland und nach deren Schließung zur Auffanggesellschaft FaGo.

Der Geist beider Betriebe lebt in Gottmadingen nach wie vor weiter.

In vielen Gottmadingen Haushalten werden alte Fahr-Schlepper liebevoll gepflegt
und in Schuss gehalten. Ein Teil der Besitzer dieser roten Schmuckstücke haben
sich im Verein Fahr Schlepper Freunde e.V. organisiert.

In noch mehr Haushalten werden alte Bilger-Schätze aufbewahrt. Krüge, Gläser,
Flaschen, aber auch historische Brauerei-Schilder, sowie Bierdeckel und
-etiketten werden liebevoll erhalten und gepflegt.

Entstehungsgeschichte der Brauerei Bilger

Die Bilger Brauerei entstand aus dem Gasthaus zur Sonne, nahe am später erbauten Sudturm gelegen. Erstmalig erwähnt wird die Sonne in einem Besitzverzeichnis 1730, und zwar im Zusammenhang mit einer Wirtschaftsordnung. Dort wird der Besuch der Sonne während der Zeit des Gottesdienstes bei einer Geldstrafe einem Pfund Pfennig untersagt, einer damals nicht mehr zeitgemäßen Währung. Die in der Wirtschaftsordnung festgesetzte Strafsumme lässt auf einen Erlass von mindestens 100 Jahren zurück vermuten.
Die Gründung des Gasthauses dürfte somit ins 16. Jahrhundert, ggf. sogar noch
früher, zurückgehen.

 

1747 wurde die Sonne für 1.350 Gulden verkauft und um 1820 von Johann Nepomuk Bilger (Bietingen) aus einer Erbmasse erworben. 1824 wollte Bilger in der Sonne eine Brauerei einrichten.

 

Nach dem Tod von Johann Nepomuk Bilger 1849 leitete sein Sohn, Johann Baptist Bilger, die Geschicke der Brauerei. Während sein Vater noch eher regionale Ziele verfolgte, legte sein Sohn den Grundstein für eine moderne Brauerei. Er baute einen Sudturm, nicht aber den heute existierenden. Aufgrund der Nutzung der Eisenbahn für den Bierversand erreichte die Brauerei mit ihrem Gerstensaft bereits unter seiner Regie überregionale Popularität.

 

Den endgültigen Schritt zur Großbrauerei wurde erst unter dem Nachfolger Albert Bilger getan. Künstliche Kühlung sowie der Betrieb mit Dampfmaschinen wurden eingeführt. Ebenfalls wurde das Bier erstmals in Flaschen abgefüllt.

 

1908 erhielt die Brauerei ihren endgültigen Namen A. Bilger Söhne und wurde von da an von den 3 Söhnen August, Edwin und Rudolf Bilger weitergeführt.

Bau des Sudturms

In diese Zeit fällt auch der Bau des 7 geschossigen Sudturms in der jetzigen Gestalt. Von 1912-1914 wurde die Brauerei großzügig ausgebaut und erhielt ihr endgültiges Aussehen.



 

Im Keller des Sudturms wurden ein Kaltwasserreservoir sowie ein Silo eingerichtet. Darüber, im Erdgeschoß und Kernbereich des Sudhauses, war der Sudbereich. Dort wurde der Sudprozess, bestehend aus Schroten, Maischen, Läutern und Würzkochen durchgeführt.

 

Das Malzkorn wurde dabei zur Verarbeitung schonend gemahlen. Beim Maischen wurden unter besonderen Zeit- und Temperaturvorgaben die Inhaltstoffe des Malzes in Wasser gelöst und der enzymatische Abbau von Stärke und Eiweiß, der beim Mälzen begonnen hatte, fortgesetzt. Beim Läutern wurden Feststoffe gefiltert, beim Kochen Eiweiß ausgefällt und die Würzekonzentration eingestellt. Im Sudhaus wurde dafür eine Würzpfanne in Betrieb genommen, die für damalige Verhältnisse gigantische 325 hl. umfasste.

 

Über dem Sudbereich, etwa ab der Mitte des Sudhauses, war dann über mehrere Geschosse der Silotspeicher mit Schrotkalten, Schrotmühle und Malzputzerei untergebracht.
 

Die Bilgergebäude, insbesondere der hoch aufragende Sudturm, bestimmten ab dieser Epoche das Ortsbild von Gottmadingen.

Glanzzeit der Bilger Brauerei

Das stetige Wachstum von Bilger wurde durch inneres Wachstum und Akquisitionen erreicht. Im Ersten Weltkrieg übernahm Bilger ein Kontingent von mehr als 20 Brauereien, darunter die Brauerei Sterck aus Meßkirch sowie die Löwenbrauerei in Waldshut. 1918 erwarb Bilger die zweite in Gottmadingen ansässige Brauerei, die unter dem Namen Sternen-Brauerei bekannte J. Graf AG. Dieser zweite Produktionsstandort in Gottmadingen sollte schließlich noch einige Jahre länger existieren.

 

Aufgrund Rohstoffmangels musste Bilger nach dem ersten Weltkrieg eine Reduktion der Produktion hinnehmen.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte die Brauerei aber ihren Vermögensbestand weiter ausbauen. Zum Vermögen der Brauerei, die seit 1928 in der Rechtsform einer AG betrieben wurde, gehörten neben mehr als 30 eigenen Wirtschaften auch Angestellten- und Arbeiterhäuser, Last- und Personenwagen, sogar 5 Eisenbahnwagons. Das Design eines dieser Eisenbahn-Bierwägen dient heute für den Modelleisenbahn-Hersteller Liliput als Vorlage für einen Wagen in der Größe H0.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die nächste Generation mit Dr. Albert und Dr. Harald Bilger das Unternehmen erfolgreich weiter. Als eine der ersten Brauerein füllte Bilger das Bier in Getränkedosen ab. Zu den Glanzzeiten schenkte Lufthansa an Bord Ihrer Flugzeuge Bilger Bier aus. All dies führte dazu, dass
sich Bilger zu den 4 größten Brauereien in Südbaden zählen durfte.

 

Die größte Ausstoßmenge erreichte Bilger im Jahr 1965/1966 mit 219.000 hl.

Untergang der Brauerei

Umso größer war der Schock in Gottmadingen, als im Juni 1968 bekannt wurde, dass die Fürstlich Fürstenbergische Brauerei KG aus Donaueschingen eine Beteiligung in Höhe von 51% übernommen hatte. Dr. Harald Bilger hatte mit seinen Angehörigen seine gesamten Anteile verkauft, Dr. Albert Bilger sowie Käthe und Anneliese Bilger waren nur noch Minderheitsgesellschafter.

 

Wie unüberlegt der Verkauf damals von statten ging zeigt die Tatsache, dass Dr. Harald Bilger seine Villa an Fürstenberg mitverkauft hatte und diese anschließend wieder zurückkaufen musste. Schon damals schenkte man den Beschwichtigungen wenig glauben, nach denen durch den Verkauf eine Fusion eingeleitet werden sollte deren Ziel es sei, die Kapazität auszuweiten.

 

Bereits kurze Zeit später wurde die Mitarbeiterzahl reduziert. Die Bierproduktion wurde von Gottmadingen nach Donaueschingen verlagert und der vorher umfangreiche Grundbesitz der Brauerei, insbesondere in Form der Gaststätten, nach und nach verkauft.

 

1976 wurde das letzte Bilger-Bier in Gottmadingen gebraut. Das brauchbare Inventar wurde nach Donaueschingen zu Fürstenberg verlagert und die Produktion in Gottmadingen geschlossen. Das im Zuge der Feierlichkeiten 150 Jahre Bilger Brauerei 1969 gesprochene Versprechen, dass der Brauerei Fürstenberg eine Aktualisierung der Marke Bilger am Herzen liegt, erwies sich als leere Worthülse.

Von der Bauruine zur jetzigen Gestalt

Seit der Schließung lagen die Gebäude der Bilger Brauerei brach. Da der Zahn der Zeit immer mehr an den Gebäuden nagte, entschloss man sich Anfang der 1990er Jahre zum Abbruch der Gebäude, mit Ausnahme des Sudturms.

 

Die Investorensuche gestaltete sich als schwierig. Nicht nur aufgrund des Investitionsvolumens, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass es sich beim Sudturm um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt.

 

Am 31.07.1999 durfte der Sudturm für einen Nachmittag sein damals tristes Dasein vergessen und im Mittelpunkt stehen. Gemeinsam mit SWR3 feierten 600 Gäste eine Veranstaltung des SWR3 Wildall-Cups. Aufgabe war, der Verhüllung des Berliner Reichstags 1995 durch die Verpackungskünstler Jeanne-Claude und Christo Konkurrenz zu machen. Initiiert durch Narrenverein und Feuerwehr Gottmadingen wurde der Sudturm nach Berliner Vorbild mit Narrenbändel verkleidet und erlebte ein rauschendes Fest.

 

2 Jahre später sollte die jahrelange Suche nach einem Investor erfolgreich sein. 2001 erwarb der Stuttgarter Investor Thomas Diller den Sudturm. Bereits ein Jahr später wurde mit der Restauration des Turms begonnen. Um ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept für das Gebäude zu erreichen, wurde der hintere Teil des historischen Gebäudes um ein 5-geschossiges Bürogebäude erweitert. Dadurch, dass der Neubau direkt unter dem Dachstuhl des Sudturms abschließt, konnte die imposante Wirkung des Turms erhalten werden. Nach 4 Jahren Bauzeit konnten 2006 der Neubau sowie die Sanierungsmaßnahme abgeschlossen werden und Mieter in die neuen Räumlichkeiten einziehen.